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Sonntag, 16.03.2008

Dada Manifest




dadaistisches manifest - Richard
Huelsenbeck



Die Kunst ist in ihrer Ausführung und Richtung von der Zeit
abhängig, in der sie lebt, und die Künstler sind Kreaturen ihrer Epoche. Die
höchste Kunst wird diejenige sein, die in ihren, Bewußtseinsinhalten die
tausendfachen Probleme der Zeit präsentiert, der man anmerkt, daß sie sich von
den Explosionen der letzten Woche werfen ließ, die ihre Glieder immer wieder
unter dem Stoß des letzten Tages zusammensucht. Die besten und enerhörtesten
Künstler werden diejenigen sein, die stündlich die Fetzen ihrer Leibes aus dem
Wirrsal der Lebenskatarakte zusammenreißen, verbissen in den Intellekt der
Zeit, blutend an Händen und Herzen.

Hat der Expressionismus unsere Erwartungen auf eine solche Kunst Kunst erfüllt,
die eine Ballotage unserer vitalsten Angelegenheiten ist?



Nein! Nein! Nein!





Haben die Expressionisten unsere Erwartungen auf eine Kunst erfüllt, die uns
die Essenz des Lebens ins Fleisch brennt?



Nein! Nein! Nein!





Unter dem Vorwand der Verinnerlichung haben sich die Expressionisten in der
Literatur und in der Malerei zu einer Generation zusammengeschlosses, die heute
schon sehnsüchtig ihre literatur- und kunsthistorische Würdigung erwartet und
für eine ehrenvolle Bürger-Anerkennung kandidiert. Unter dem Vorwand, die Seele
zu propagieren, haben sie sich im Kampfe gegen den Naturalismus zu den
abstrakt-pathetischen Gesten zurückgefunden, die ein inhaltloses, bequemes und
unbewegtes Leben zur Voraussetzung haben. Die Bühnen füllen sich mit Königen
Dichtern und faustischen Naturen jeder Art, die Theorie einer Melioristischen
Weltauffassung, deren kindliche, psychologisch-naivste Manier für eine
kritische Ergänzung des Expressionismus signifikant bleiben muß, durchgeistert
die tantenlosen Köpfe. Der Haß gegen die Presse, der Haß gegen die Reklame, der
Haß gegen die Sensation spricht für Menschen, denen ihr Sessel wichtiger ist
als der Lärm der Straße und die sich einen Vorzug daraus machen, von jedem
Winkelschieber übertölpelt zu werden. Jener sentimentale Widerstand gegen die
Zei, die nicht besser und nicht schlechter, nicht reaktionärer und nicht
revolutionärer als alle anderen Zeiten ist, jene matte Opposition, die nach
Gebeten und Weihrauch schielt, wenn sie es nicht vorzieht, aus attischen Jamben
ihre Pappgeschosse zu machen - sie sind Eigenschaften einer Jugend, die es
niemals verstanden hat, jung zu sein. Der Expressionismus, der im Ausland
gefunden, in Deutschland nach beliebter Manier eine fette Idylle und Erwartung
guter Pension geworden ist, hat mit dem Streben tätiger Menschen nichts mehr zu
tun. Der Unterzeichner dieses Manifests haben sich unter dem Streitruf



DADA!!!!





zur Propaganda einer Kunst gesammelt, von der sie die Verwirklichung neuer
Ideale erwarten. Was ist nun der DADAISMUS?

Das Wort Dada symbolisiert das primitivste Verhältnis zur umgebenden
Wirklichkeit, mit dem Dadaismus tritt eine neue Realität in ihre Rechte. Das
Leben erscheint als ein simultanes Gewirr von Geräuschen, Farben und geistigen
Rhythmen, das in die dadaistische Kunst unbeirrt mit allen sensationellen
Schreien und Fiebern seiner verwegenen Alltagspsyche und in seiner gesamten
brutalen Realität übernommen wird. Hier ist der scharf markierte Scheideweg,
der den Dadaismus von allen bisherigen Kunstrichtungen und vor allem von dem
FUTURISMUS trennt, den kürzlich schwachköpfe als eine neue Auflage
impressionistischer Realisierung aufgefaßt haben. Der Dadaismus steht zum
erstenmal dem Leben nicht mehr ästhetisch gegenüber, indem er alle Schlagworte
von Ethik, Kultur und Innerlichkeit, die nur Mäntel für schwache Muskeln sind,
in seine Bestandteile zerfetzt.



Das BRUITISTISCHE
Gedicht





schildert eine Trambahn, wie sie ist, die Essenz der Trambahn mit dem Gähnen
des Rentiers Schulze und dem Schrei der Bremsen.



Das SIMULTANISTISCHE
Gedicht





lehrt den Sinn des Durcheinanderjagens aller Dinge, während Herr Schulze liest,
fährt der Balkanzug über die Brücke bei Nisch, ein Schwein jammert im Keller
des Schlächters Nuttke.



Das STATISCHE Gedicht





macht die Worte zu Individuen, aus den drei Buchstaben Wald tritt der Wald mit
seinen Baumkronen, Försterlivreen und Wildsauen, vielleicht tritt auch eine
Pension heraus, vielleicht Bellevue oder Bella vista. Der Dadaismus führt zu
unerhörten neuen Möglichkeiten und Ausdrucksformen aller Künste. Er hat den
Kubismus zum Tanz auf der Bühne gemacht, er hat die BRUITISTISCHE Musik der
Futuristen (deren rein italienische Angelegenheit er nicht verallgemeinen will)
in allen Ländern Europas propagiert. Das Wort Dada weist zugleich auf die
Internationalität der Bewegung, die an keine Grenzen, Religionen oder Berufe
gebunden ist. Dada ist der internationale Ausdruck dieser Zeit, die große
Fronde der Kunstbewegungen, der künstlerische Reflex aller dieser Offensiven,
Friedenskongresse, Balgereien am Gemüsemarkt, Soupers im Esplanade etc. etc.
Dada will die Benutzung des



neuen Materials in
der Malerei.





Dada is ein CLUB, der in Berlin gegründet worden ist, in den man eintreten
kann, ohne Verbindlichkeiten zu übernehmen. Hier ist jeder Vorsitzender, und
jeder kann sein Wort abgeben, wo es sich um künstlerische Dinge handelt. Dada
ist nicht ein Vorwand für den ehrgeiz einiger Literaten (wie unsere Feinde
glauben machen möchten), Dada ist eine Geistesart, die sich in jedem Gespräch
offenbaren kann, so daß man sagen muß: Dieser ist ein DADAIST - jener nicht;
der Club Dada hat deshalb Mitglieder in allen Teilen der Erde, in Honolulu so
gut wie in New Orleans und Meseritz. Dadaist sein kann unter Umständen heißen,
mehr Kaufmann, mehr Parteimann als Künstler sein - nur zufällig Künstler sein -
Dadaist sein heißt, sich von den Dingen werfen lassen, gegen jede
Sedimentsbildung sein, ein Moment auf einem Stuhl gesessen, heißt, das Leben in
Gefahr gebracht haben (Mr. Wengs zog schon den Revolver aus der Hosentasche).
Ein Gewebe zerreißt sich unter der Hand, man sagt ja zu einem Leben, das durch
Verneinung höher will. Jasagen - Neinsagen: das gewaltige Hokuspokus des
Daseins beschwingt die Nerven des echten Dadaisten - so liegt er, so jagt er,
so radelt er - halb Pantagruel, halb Franziskus und lacht und lacht. Gegen die
ästhetisch-ethische Einstellung! Gegen die blutleere Abstraktion des
Expressionismus! Gegen die weltverbessernden Theorien literarischer Hohlköpfe!
Für den Dadaismus in Wort und Bild, für das dadaistische Geschehen in der Welt.
Gegen dies Manifest sein heißt Dadaist sein!



Tristan Tzara. Franz Jung. George Grosz. Marcel Janco. Richard Huelsenbeck.
Gerhard Preiß. Raoul Hausmann.



O. Lüthe. Frédéric Glauser. Hugo Ball. Pierre Albert Birot. Maria d'Arezzo.
Gino Cantarelli. Prampolini. R. van
Rees. Madame van Rees. Hans Arp. G. Thäuber.
Andrée Morosini. François
Mombello-Pasquati.



Dada Arp


Arp, Hans


1887-1966

Sekundenzeiger



daß ich als ich


ein und zwei ist


daß ich als ich


drei und vier ist


daß ich als ich


wieviel zeigt sie


daß ich als ich


tickt und tackt sie


daß ich als ich


fünf und sechs ist


daß ich als ich


sieben acht ist


daß ich als ich


wenn sie steht sie


daß ich als ich


wenn sie geht sie


daß ich als ich


neun und zehn ist


daß ich als ich


elf und zwölf ist.

Dada Schwitters




Gedicht Kurt Schwitters



b

f

bw

fms

bwre

fmsbewe

beweretä

fmsbewetä

p

beweretäzä

fmsbewetäzä

p

beweretäzäu

fmsbeweretäzäu

pege

fmsbewetäzäu

pegiff

Qui - E



Dada Schwitters




Unsittliches i-Gedicht



 



Dames-Hemden . . . . . . . . .

Dames-Pantalons, fransch model

Dames-Pantalons . . . . . . . .

Prima Dames Nachtponnen . . . .

Dames-Combinations . . . . . .

Heeren Hemden, zwaar graslinnen



Dada Schwitters




Sie puppt mit Puppen



 



Die Puppen puppen mit kleinen Puppen,

Die kleinen Puppen puppen mit winzigen Puppen,

Die winzigen Puppen puppen mit Püppchen,

Die Püppchen puppen mit kleinen Püppchen,

Die kleinen Püppchen puppen mit winzigen Püppchen,

Die winzigen Püppchen puppen,

Keiner puppt mit ihr.

Ah, Du meine Puppe,

Meine süße Puppe;

Mir ist alles schnuppe,

Wenn ich meine Schnauze

Auf die Deine - bauze.

Püppchen Schnüppchen

Puppe Schnuppe

Schnuppe bauze.

Die bäuzchen, Püppchen, Puppenfraun

Sie machen nur noch schnauze bauze.



Dada Schwitters




Das Urgebet der Scholle Kurt Schwitters



 



Schale

Schiller

Schale

Schule Schule Schule uhle

Scholle Scholle Scholle rolle

Schale Schale Schale scheele

mahle mahle mahle Mehl

male male male Malerei

alle alle alle allerlei



 



Dada Ball

 

Seepferdchen und Flugfische Hugo Ball



tressli bessli nebogen leila

flusch kata

ballubasch

zack hitti zopp



zack hitti zopp

hitti betzli betzli

prusch kata

ballubasch

fasch kitti bimm



zitti kitillabi billabi billabi

zikko di zakkobam

fisch kitti bisch



bumbalo bumbalo bumbalo bambo

zitti kitillabi

zack hitti zopp



treßli beßli nebogen grügrü

blaulala violabimini bisch

violabimini bimini bimini

fusch kata

ballubasch

zick hiti zopp



Dada Ball



Karawane Hugo Ball



jolifanto bambla o falli bambla

großiga m'pfa habla horem

egiga goramen

higo bloiko russula huju

hollaka hollala

anlogo bung

blago bung blago bung

bosso fataka

ü üü ü

schampa wulla wussa olobo

hej tatta gorem

eschige zunbada

wulubu ssubudu uluwu ssubudu

tumba ba-umf

kusa gauma

ba - umf



Dada Schwitters

 

An Anna Blume Kurt Schwitters



Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir!

Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, ---- wir?

Das gehört beiläufig nicht hierher!

Wer bist Du, ungezähltes Frauenzimmer, Du bist, bist Du?

Die Leute sagen, Du wärest.

Laß sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht.

Du trägst den Hut auf Deinen Füßen und wanderst auf die Hände,

Auf den Händen wanderst Du.

Halloh, Deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt,

Rot liebe ich Anna Blume, rot liebe ich Dir.

Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, ----- wir?

Das gehört beiläufig in die kalte Glut!

Anna Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?

Preisfrage:

1. Anna Blume hat ein Vogel,

2. Anna Blume ist rot.

3. Welche Farbe hat der Vogel?

Blau ist die Farbe Deines gelben Haares,

Rot ist die Farbe Deines grünen Vogels.

Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid,

Du liebes grünes Tier, ich liebe Dir!

Du Deiner Dich Dir, ich Dir, Du mir, ---- wir!

Das gehört beiläufig in die ---- Glutenkiste.

Anna Blume, Anna, A----N----N----A!

Ich träufle Deinen Namen.

Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.

Weißt Du es Anna, weißt Du es schon,

Man kann Dich auch von hinten lesen.

Und Du, Du Herrlichste von allen,

Du bist von hinten, wie von vorne:

A------N------N------A.

Rindertalg träufelt STREICHELN über meinen Rücken.

Anna Blume,

Du tropfes Tier,

Ich-------liebe-------Dir!



Dada Huelsenbeck



'Die Primitiven' - Richard Huelsenbeck



"indigo indigo

"Trambahn Schlafsack

"Wanz und Floh

"indigo indigai

"umbaliska

"bumm DADAI




Dada Hugo Ball


'Gadji beri bimba' - Hugo Ball


gadji beri bimba glandridi laula lonni cadori

gadjama gramma berida bimbala glandri galassassa laulitalomini

gadji beri bin blassa glassala laula lonni cadorsu sassala bim

gadjama tuffm i zimzalla binban gligla wowolimai bin beri ban

o katalominai rhinozerossola hopsamen laulitalomini hoooo

gadjama rhinozerossola hopsamen

bluku terullala blaulala loooo



zimzim urullala zimzim urullala zimzim zanzibar zimzalla zam

elifantolim brussala bulomen brussala bulomen tromtata

velo da bang band affalo purzamai affalo purzamai lengado tor

gadjama bimbalo glandridi glassala zingtata pimpalo ögrögöööö

viola laxato viola zimbrabim viola uli paluji malooo



tuffm im zimbrabim negramai bumbalo negramai bumbalo tuffm i zim

gadjama bimbala oo beri gadjama gaga di gadjama affalo pinx

gaga di bumbalo bumbalo gadjamen

gaga di bling blong

gaga blung

Montag, 13.03.2006

William Wordsworth


Composed Upon Westminster Bridge

Earth has not anything to show more fair:
Dull would he be of soul who could pass by
A sight so touching in its majesty:
This City now doth, like a garment, wear

The beauty of the morning; silent, bare,
Ships, towers, domes, theatres, and temples lie
Open unto the fields, and to the sky;
All bright and glittering in the smokeless air.

Never did sun more beautifully steep
In his first splendour, valley, rock, or hill;
Ne'er saw I, never felt, a calm so deep!

The river glideth at his own sweet will:
Dear God! the very houses seem asleep;
And all that mighty heart is lying still!

Dienstag, 07.03.2006

Friedrich Hölderlin



Des Morgens

Vom Taue glänzt der Rasen; beweglicher
Eilt schon die wache Quelle; die Buche neigt
Ihr schwankes Haupt und im Geblätter
Rauscht es und schimmert; und um die grauen
5 Gewölke streifen rötliche Flammen dort,
Verkündende, sie wallen geräuschlos auf;
Wie Fluten am Gestade, wogen
Höher und höher die Wandelbaren.
Komm nun, o komm, und eile mir nicht zu schnell,
10 Du goldner Tag, zum Gipfel des Himmels fort!
Denn offner fliegt, vertrauter dir mein
Auge, du Freudiger zu, so lang du
In deiner Schöne jugendlich blickst und noch
Zu herrlich nicht, zu stolz mir geworden bist;
15 Du möchtest immer eilen, könnt ich,
Göttlicher Wandrer, mit dir! - doch lächelst
Des frohen Übermütigen du, daß er
Dir gleichen möchte; Segne mir lieber dann
Mein sterblich Tun und heitre wieder,
20 Gütiger! heute den stillen Pfad mir!

Sonntag, 26.02.2006

Dein Mund auf meinem


Hilde Domin

Dein Mund auf meinem


Dein Mund auf meinem.

Ich verlor allen Umriß.

Tausend kleine Blüten

öffneten ihre Kelche

auf meinem Körper.


Du küßtest mich zärtlich

und gingst.


Trockene Scham wie ein Feuer

stand rot mir

auf Bauch und Brüsten.








Hilde Domin



Französischer Gobelin


Ach Liebster verzeih

daß meine Augen so blau sind,

sie sind nur ein zärtlicher Spiegel

für deine braunen.

Vergib meine strahlende Weiße,

sie ist nur dein hellstes Bett.


Der Falke meines Verstands

fliegt für dich auf die Jagd.

Sieh, alle meine Tiere

sind so bescheiden zu Diensten

als wären sie in den Teppich

zu deinen Füßen gewebt.








Vor Tag Hilde Domin



Der Kuß aus Rosenblättern,


immer neue weiche kleine


Blätter der sich öffnenden Blüte.





Nicht jenes Wenig von Raum


für die Spanne des Wunschs


zwischen Nehmen und Geben.





Du hobst die Decke von mir


so behutsam


wie man ein Kind nicht weckt


oder als wär ich


so zerbrechlich


wie ich bin.





Ich wurde nicht wirklicher


als ein Gedicht


oder ein Traum


oder die Wolke


unter der Wolke.





Und doch, als du fort warst,


der zärtliche Zweifel:


Ist es tröstlich


für einen Mann


mit einer Wolke zu schlafen?

"Nur eine Rose als Stütze": Lyrikerin Hilde Domin gestorben - Kultur - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten


Lyrikerin Hilde Domin gestorben

"Hand in Hand mit der Sprache/bis zuletzt", schrieb sie in einem Gedicht. Hilde Domin bereicherte die deutsche Lyrik mit Sprachmagie, Empathie und Scharfsinn bis ins hohe Alter. Gestern ist die Dichterin im Alter von 96 Jahren gestorben.

[ via: "Nur eine Rose als Stütze": Lyrikerin Hilde Domin gestorben - Kultur - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten ]

Literatur: Die Mutmacherin: Zum Tode von Hilde Domin - FAZ.NET - Feuilleton


Die Mutmacherin: Zum Tode von Hilde Domin
Von Harald Hartung

23. Februar 2006 Es war ein langer Abschied, darin sich Trauer und Dankbarkeit durchdringen. Hilde Domin hat ein wahrhaft biblisches Alter erreicht. Es war ein wahrhaft gesegnetes. Gesegnet bis zuletzt, bis zum unerwarteten Tod der Sechsundneunzigjährigen am Mittwoch, durch Gesundheit und geistige Frische. Wer sie auch nur flüchtig kannte, staunte darüber, wie sie ihre, freilich spärlicher werdenden, Auftritte absolvierte, wie sie bei Diskussionen mithielt. Klar, pragmatisch und mit einer Vernunft des Herzens.

[ via: Literatur: Die Mutmacherin: Zum Tode von Hilde Domin - FAZ.NET - Feuilleton ]

Hilde Domin


Dennoch und nicht stur
Das Leben als Sprachwanderung:
Gespräch mit der Dichterin Hilde Domin - Vertrauen ins Individuum

Sie gilt als die bedeutendste deutschsprachige Lyrikerin unserer Zeit. Ihr "Dennoch', ihr Vertrauen in den Menschen als Individuum scheint unerschütterbar und ist beispielhaft für eine Generation deutscher Juden, die aus der Verfolgung als Boten der Versöhnung ins Sprachzuhause zurückgekehrt sind", wie sie selber einmal schrieb.

Hilde Domin, heute 82 Jahre alt, hat in ihrem Werk und Leben dem Begriff Zivilcourage Gestalt gegeben. Sie hat Deutschland, die Unfreiheit ahnend, 1932 verlassen, und ist nach jahrzehntelangem Exil in ihre (Sprach-)Heimat zurückgekehrt.
Anläßlich einer Lesereise war sie Gast in der Nürnberger Buchhandlung Edelmann und sprach in Fürth mit Schülern des Heinrich-Schliemann-Gymnasiums. Nachfolgend ein Gespräch mit der Dichterin über Literatur, Sprache und die Erfahrungen im Exil.

[ via: Hilde Domin ]

Hilde Domin


Hilde Domin
Während und nach der Zeit des Zweiten Weltkrieges sahen viele deutsche Künstler und Schriftsteller Länder wie Großbritannien, Frankreich und Italien als ihre zweite Heimat an. Die bedeutendste deutschsprachige Autorin des 20. Jahrhunderts gab sich aufgrund ihrer Verbundenheit zu ihrem Asylland ein Pseudonym, abgeleitet von einem Inselstaat in Mittelamerika- der Dominikanischen Republik.

[ via: Hilde Domin ]

Montag, 13.02.2006

Mehr Heine

Junge Leiden - Traumbilder
I

    Mir träumte einst von wildem Liebesglühn,
    Von hübschen Locken, Myrten und Resede,
    Von süßen Lippen und von bittrer Rede,
    Von düstrer Lieder düstern Melodien.

    Verblichen und verweht sind längst die Träume,
    Verweht ist gar mein liebstes Traumgebild!
    Geblieben ist mir nur, was glutenwild
    Ich einst gegossen hab in weiche Reime.

    Du bliebst, verwaistes Lied! Verweh jetzt auch,
    Und such das Traumbild, das mir längst entschwunden,
    Und grüß es mir, wenn du es aufgefunden --
    Dem luftgen Schatten send ich luftgen Hauch.

Heinrich Heine
Junge Leiden - Traumbilder
IX

    Ich lag und schlief, und schlief recht mild,
    Verscheucht war Gram und Leid;
    Da kam zu mir ein Traumgebild,
    Die allerschönste Maid.

    Sie war wie Marmelstein so bleich,
    Und heimlich wunderbar;
    Im Auge schwamm es perlengleich,
    Gar seltsam wallt' ihr Haar.

    Und leise, leise sich bewegt
    Die marmorblasse Maid,
    Und an mein Herz sich niederlegt
    Die marmorblasse Maid.

    Wie bebt und pocht vor Weh und Lust
    Mein Herz, und brennet heiß!
    Nicht bebt, nicht pocht der Schönen Brust,
    Die ist so kalt wie Eis.

    »Nicht bebt, nicht pocht wohl meine Brust;
    Die ist wie Eis so kalt;
    Doch kenn auch ich der Liebe Lust,
    Der Liebe Allgewalt.

    Mir blüht kein Rot auf Mund und Wang,
    Mein Herz durchströmt kein Blut;
    Doch sträube dich nicht schaudernd bang,
    Ich bin dir hold und gut.«

    Und wilder noch umschlang sie mich,
    Und tat mir fast ein Leid;
    Da kräht der Hahn - und stumm entwich
    Die marmorblasse Maid.





Heinrich Heine
Lyrisches Intermezzo
II

    Aus meinen Tränen sprießen
    Viel blühende Blumen hervor,
    Und meine Seufzer werden
    Ein Nachtigallenchor.

    Und wenn du mich lieb hast, Kindchen,
    Schenk ich dir die Blumen all,
    Und vor deinem Fenster soll klingen
    Das Lied der Nachtigall.


VI

    Lehn deine Wang an meine Wang,
    Dann fließen die Tränen zusammen;
    Und an mein Herz drück fest dein Herz,
    Dann schlagen zusammen die Flammen!

    Und wenn in die große Flamme fließt
    Der Strom von unsern Tränen,
    Und wenn dich mein Arm gewaltig umschließt -
    Sterb ich vor Liebessehnen



IX

    Auf Flügeln des Gesanges,
    Herzliebchen, trag ich dich fort,
    Fort nach den Fluren des Ganges,
    Dort weiß ich den schönsten Ort.

    Dort liegt ein rotblühender Garten
    Im stillen Mondenschein;
    Die Lotosbumen erwarten
    Ihr trautes Schwesterlein.

    Die Veilchen kichern und kosen,
    Und schaun nach den Sternen empor;
    Heimlich erzählen die Rosen
    Sich duftende Märchen ins Ohr.

    Es hüpfen herbei und lauschen
    Die frommen, klugen Gazelln;
    Und in der Ferne rauschen
    Des heiligen Stromes Welln.

    Dort wollen wir niedersinken
    Unter dem Palmenbaum,
    Und Liebe und Ruhe trinken,
    Und träumen seligen Traum.


X

    Die Lotosblume ängstigt
    Sich vor der Sonne Pracht,
    Und mit gesenktem Haupte
    Erwartet sie träumend die Nacht.

    Der Mond, der ist ihr Buhle,
    Er weckt sie mit seinem Licht,
    Und ihm entschleiert sie freundlich
    Ihr frommes Blumengesicht.

    Sie blüht und glüht und leuchtet,
    Und starret stumm in die Höh;
    Sie duftet und weinet und zittert
    Vor Liebe und Liebesweh.


XV

    Die Welt ist dumm, die Welt ist blind,
    Wird täglich abgeschmackter!
    Sie spricht von dir, mein schönes Kind,
    Du hast keinen guten Charakter.

    Die Welt ist dumm, die Welt ist blind,
    Und dich wird sie immer verkennen;
    Sie weiß nicht, wie süß deine Küsse sind,
    Und wie sie beseligend brennen


XXIII

    Warum sind denn die Rosen so blaß,
    O sprich, mein Lieb, warum?
    Warum sind denn im grünen Gras
    Die blauen Veilchen so stumm?

    Warum singt denn mit so kläglichem Laut
    Die Lerche in der Luft?
    Warum steigt denn aus dem Balsamkraut
    Hervor ein Leichenduft?

    Warum scheint denn die Sonn auf die Au
    So kalt und verdrießlich herab?
    Warum ist denn die Erde so grau
    Und öde wie ein Grab?

    Warum bin ich selbst so krank und so trüb,
    Mein liebes Liebchen, sprich?
    O sprich, mein herzallerliebstes Lieb,
    Warum verließest du mich?

XXXIII

    Sie liebten sich beide, doch keiner
    Wollt es dem andern gestehn;
    Sie sahen sich an so feindlich,
    Und wollten vor Liebe vergehn.

    Sie trennten sich endlich und sahn sich
    Nur noch zuweilen im Traum;
    Sie waren längst gestorben,
    Und wußten es selber kaum.


L

    Mädchen mit dem roten Mündchen,
    Mit den Äuglein süß und klar,
    Du mein liebes, kleines Mädchen,
    Deiner denk ich immerdar.

    Lang ist heut der Winterabend,
    Und ich möchte bei dir sein,
    Bei dir sitzen, mit dir schwatzen,
    Im vertrauten Kämmerlein.

    An die Lippen wollt ich pressen
    Deine kleine, weiße Hand,
    Und mit Tränen sie benetzen,
    Deine kleine, weiße Hand.

LXXX

    Auf den Wällen Salamankas
    Sind die Lüfte lind und labend;
    Dort, mit meiner holden Donna,
    Wandle ich am Sommerabend.

    Um den schlanken Leib der Schönen
    Hab ich meinen Arm gebogen,
    Und mit selgem Finger fühl ich
    Ihres Busens stolzes Wogen.

    Doch ein ängstliches Geflüster
    Zieht sich durch die Lindenbäume,
    Und der dunkle Mühlbach unten
    Murmelt böse, bange Träume.

    »Ach Sennora, Ahnung sagt mir:
    Einst wird man mich relegieren,
    Und auf Salamankas Wällen
    Gehn wir nimmermehr spazieren.



Donna Clara

    In dem abendlichen Garten
    Wandelt des Alkaden Tochter;
    Pauken- und Trommetenjubel
    Klingt herunter von dem Schlosse.

    »Lästig werden mir die Tänze
    Und die süßen Schmeichelworte,
    Und die Ritter, die so zierlich
    Mich vergleichen mit der Sonne.

    Überlästig wird mir alles,
    Seit ich sah, beim Strahl des Mondes,
    Jenen Ritter, dessen Laute
    Nächtens mich ans Fenster lockte.

    Wie er stand so schlank und mutig,
    Und die Augen leuchtend schossen
    Aus dem edelblassen Antlitz,
    Glich er wahrlich Sankt Georgen.«

    Also dachte Donna Clara,
    Und sie schaute auf den Boden;
    Wie sie aufblickt, steht der schöne,
    Unbekannte Ritter vor ihr.

    Händedrückend, liebeflüsternd
    Wandeln sie umher im Mondschein,
    Und der Zephir schmeichelt freundlich,
    Märchenartig grüßen Rosen.

    Märchenartig grüßen Rosen,
    Und sie glühn wie Liebesboten. -
    Aber sage mir, Geliebte,
    Warum du so plötzlich rot wirst?

    »Mücken stachen mich, Geliebter,
    Und die Mücken sind, im Sommer,
    Mir so tief verhaßt, als wärens
    Langenasge Judenrotten.«

    Laß die Mücken und die Juden,
    Spricht der Ritter, freundlich kosend.
    Von den Mandelbäumen fallen
    Tausend weiße Blütenflocken.

    Tausend weiße Blütenflocken
    Haben ihren Duft ergossen. -
    Aber sage mir Geliebte,
    Ist dein Herz mir ganz gewogen?

    »Ja, ich liebe dich, Geliebter,
    Bei dem Heiland seis geschworen,
    Den die gottverfluchten Juden
    Boshaft tückisch einst ermordet.«

    Laß den Heiland und die Juden,
    Spricht der Ritter, freundlich kosend.
    In der Ferne schwanken traumhaft
    Weiße Liljen, lichtumflossen.

    Weiße Liljen, lichtumflossen,
    Blicken nach den Sternen droben. -
    Aber sage mir Geliebte,
    Hast du auch nicht falsch geschworen?

    »Falsch ist nicht in mir, Geliebter,
    Wie in meiner Brust kein Tropfen
    Blut ist von dem Blut der Mohren
    Und des schmutzgen Judenvolkes.«

    Laß die Mohren und die Juden,
    Spricht der Ritter, freundlich kosend;
    Und nach einer Myrtenlaube
    Führt er die Alkadentochter.

    Mit den weichen Liebesnetzen
    Hat er heimlich sie umflochten;
    Kurze Worte, lange Küsse,
    Und die Herzen überflossen.

    Wie ein schmelzend süßes Brautlied
    Singt die Nachtigall, die holde;
    Wie zum Fackeltanze hüpfen
    Feuerwürmchen auf dem Boden.

    In der Laube wird es stiller,
    Und man hört nur, wie verstohlen,
    Das Geflüster kluger Myrten
    Und der Blumen Atemholen.

    Aber Pauken und Trommeten
    Schallen plötzlich aus dem Schlosse,
    Und erwachend hat sich Clara
    Aus des Ritters Arm gezogen.

    »Horch, da ruft es mich, Geliebter;
    Doch, bevor wir scheiden, sollst du
    Nennen deinen lieben Namen,
    Den du mir so lang verborgen.«

    Und der Ritter, heiter lächelnd,
    Küßt die Finger seiner Donna,
    Küßt die Lippen und die Stirne,
    Und er spricht zuletzt die Worte:

    Ich, Sennora, Eur Geliebter,
    Bin der Sohn des vielbelobten,
    Großen, schriftgelehrten Rabbi
    Israel von Saragossa.




Freitag, 03.02.2006

Heine Gedichte


Du bist wie eine Blume

Heinrich Heine

Du bist wie eine Blume
so hold und schön und rein;
ich schau' dich an, und Wehmut
schleicht mir ins Herz hinein.

Mir ist, als ob ich die Hände
aufs Haupt dir legen sollt',
betend, daß Gott dich erhalte
so rein und schön und hold.


Heinrich Heine
Belsazar

Die Mitternacht zog näher schon;
In stummer Ruh lag Babylon.

Nur oben in des Königs Schloss,
Da flackert's, da lärmt des Königs Tross.

Dort oben in dem Königssaal
Belsazar hielt sein Königsmahl.

Die Knechte sassen in schimmernden Reihn
Und leerten die Becher mit funkelndem Wein.

Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knecht;
So klang es dem störrigen Könige recht.

Des Königs Wangen leuchten Glut;
Im Wein erwuchs ihm kecker Mut.

Und blindlings reisst der Mut ihn fort;
Und er lästert die Gottheit mit sündigem Wort.

Und er brüstet sich frech und lästert wild;
Die Knechtenschar ihm Beifall brüllt.

Der König rief mit stolzem Blick;
Der Diener eilt und kehrt zurück.

Er trug viel gülden Gerät auf dem Haupt;
Das war aus dem Tempel Jehovahs geraubt.

Und der König ergriff mit frevler Hand
Einen heiligen Becher, gefüllt bis am Rand.

Und er leert ihn hastig bis auf den Grund
Und ruft laut mit schäumendem Mund:

"Jehovah! dir künd ich auf ewig Hohn -
Ich bin der König von Babylon!"

Doch kaum das grause Wort verklang,
Dem König ward's heimlich im Busen bang.

Das gellende Lachen verstummte zumal;
Es wurde leichenstill im Saal.

Und sieh! und sieh! an weisser Wand
Das kam's hervor, wie Menschenhand;

Und schrieb, und schrieb an weisser Wand
Buchstaben von Feuer und schrieb und schwand.

Der König stieren Blicks da sass,
Mit schlotternden Knien und totenblass.

Die Knechtschar sass kalt durchgraut,
Und sass gar still, gab keinen Laut.

Die Magier kamen, doch keiner verstand
Zu deuten die Flammenschrift an der Wand.

Belsazar ward aber in selbiger Nacht
Von seinen Knechten umgebracht.



Heinrich Heine
Das Fräulein stand am Meere...

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter


Heinrich Heine
Das macht den Menschen glücklich,...

Das macht den Menschen glücklich,
Das macht den Menschen matt,
Wenn er drei sehr schöne Geliebte
Und nur zwei Beine hat.

Der einen lauf ich des Morgens,
Der andern des Abends nach;
Die dritte kommt zu mir des Mittags
Wohl unter mein eigenes Dach.

Lebt wohl, ihr drei Geliebten,
Ich hab zwei Beine nur,
Ich will in ländlicher Stille
Genießen die schöne Natur.


Heinrich Heine
Ein Jüngling liebt ein Mädchen,...

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen andern erwählt;
Der andre liebt eine andre,
Und hat sich mit dieser vermählt.

Das Mädchen heiratet aus Ärger
Den ersten besten Mann,
Der ihr in den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.



Heinrich Heine
Frühlingsbotschaft

Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling hinaus ins Weite.

Kling hinaus, bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen.
Wenn du eine Rose schaust,
Sag ich laß sie grüßen.

Heinrich Heine

Hast du die Lippen mir wundgeküßt,
So küsse sie wieder heil,
Und wenn du bis Abend nicht fertig bist,
So hat es auch keine Eil.

Du hast ja noch die ganze Nacht,
Du Herzallerliebste mein!
Man kann in solch einer ganzen Nacht
Viel küssen und selig sein.


Heinrich Heine
Ich hab im Traum geweinet,...

Ich hab im Traum geweinet,
Mir träumet, du lägest im Grab.
Ich wachte auf, und die Träne
Floß noch von der Wange herab.

Ich hab im Traum geweinet,
Mir träumt', du verließest mich.
Ich wachte auf, und ich weinte
Noch lange bitterlich.

Ich hab im Traum geweinet,
Mir träumte, du bliebest mir gut.
Ich wachte auf, und noch immer
Strömt meine Tränenflut.



Heinrich Heine
Ich hatte einst ein schönes Vaterland....

Ich hatte einst ein schönes Vaterland.
Der Eichenbaum
Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.
Es war ein Traum.

Das küßte mich auf deutsch, und sprach auf deutsch
(Man glaubt es kaum
Wie gut es klang) das Wort: »ich liebe dich!«
Es war ein Traum.


Heinrich Heine zum 150. Todestag

Heinrich Heine zum 150. Todestag

 Heinrich Heine (1797-1856)

Heinrich Heine (1797-1856)

Der deutsche Schriftsteller und Journalist Heinrich Heine wurde am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf geboren und starb am 17. Februar 1856 in Paris. Heine war einer der Hauptvertreter der Spätromantik und des Jungen Deutschlands. In seinen satirischen Gedichten verband er Empfindungsreichtum mit Ironie und Skepsis. Mit seinem geistvollen  Prosastil wurde er zu einem Vorläufer des modernen Feuilletonismus.

Samstag, 28.01.2006

Ernst Jandl und andere


Ernst Jandl

16 jahr

thechdthen jahr
thüdothdbahnhof
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wath tholl
der machen
thüdothdbahnhof
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der bursch
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der machen
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thechdthen jahr
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mit theine
thechdthen jahr




babba
babba
toobaba
toobaba
tohuubaba
tohuubaba
tohuwaababa
tohuwaababa
tohuwaboobaba
tohuwaboobaba
tohuwabohuubaba
tohuwabohuubaba
tohuwaboobaba
tohuwaababa
tohuubaba
toobaba
babba


Brigitte B. Frank Wedekind

Ein junges Mädchen kam nach Baden,
Brigitte B. war sie genannt,
fand Stellung dort in einem Laden,
wo sie gut angeschrieben stand.

Die Dame, schon ein wenig älter,
war dem Geschöfte zugetan,
der Herr ein höherer Angestellter
der königlichen Eisenbahn.

Die Dame sagt nun eines Tages,
wie man zu Nacht gegessen hat:
Nimm dies Paket, mein Kind, und trag es,
zu der Baronin vor der Stadt.

Auf diesem Wege traf Brigitte
jedoch ein Individuum,
das hat an sie nur eine Bitte,
wenn nicht, dann bringe er sie um.

Brigitte, völlig unerfahren,
gab ihm sich mehr aus Mitleid hin,
drauf ging er fort mit ihren Waren
und ließ sie in der Lage drin.

Sie konnt es anfangs gar nicht fassen,
dann lief sie heulend und gestand,
daß sie sich hat verführen lassen,
was die Madam begreiflich fand.

Daß aber dabei die Turnüre
für die Baronin vor der Stadt
gestohlen worden sei, das schnüre
das Herz ihr ab, sie hab es satt.

Brigitte warf sich vor ihr nieder,
sie sei gewiß nicht mehr so dumm;
den Abend aber schlief sie wieder
bei ihrem Individuum.

Und als die Herrschaft dann um Pfingsten
ausflog mit dem Gesangsverein,
lud sie ihn ohne die geringsten
Bedenken abends zu sich ein.

Sofort ließ er sich alles zeigen,
den Schreibtisch und den Kassenschrank,
macht die Papiere sich zu eigen,
und zollt ihr nicht mal mehr den Dank.

Brigitte, als sie nun gesehen,
was ihr Geliebter angericht,
entwich auf unhörbaren Zehen
dem Ehepaar aus dem Gesicht.

Vorgestern hat man sie gefangen,
es läßt sich nicht erzählen, wo;
dem Jüngling, der die Tat begangen,
dem ging es gestern ebenso.


Liebe (Mit hebräischen Buchstaben geschrieben)
Es hielten die menschlichen Triebe
Einst einen großen Kongreß.
Sie stritten sich um die Ehre,
Wer wohl der Stärkste wäre,
Denn niemand wußte es.

Die Liebe war nicht zugegen.
Und als dies alle entdeckt,
Da schrien die menschlichen Triebe:
»Herrje, wo bleibt nur die Liebe!
Nein, wo die Liebe nur steckt.«

Ein geiziges Weib trat zum Altar.
Dort stand ein Misanthrop.
Und als sie zusammenkamen,
Sie sprachen Ja und Amen,
Der Pfarrer die Händ' erhob.

Die Liebe hatte die beiden
Von allen Trieben befreit.
Zurück blieb einzig die Liebe,
Drum hatten die anderen Triebe
Auch so viel übrige Zeit.

Sie hockten noch immer beisammen
Und hielten großen Kongreß.
Nun ward die Vernunft erhoben,
Sie sei als die Stärkste zu loben,
Doch niemand glaubte es.

Ilse

Ich war ein Kind von fünfzehn Jahren,
ein reines, unschuldsvolles Kind,
als ich zum ersten Mal erfahren,
wie süß der Liebe Freuden sind.

Er nahm mich um den Leib und lachte
und flüsterte: O welch ein Glück!
Und dabei bog er sachte, sachte
mein Köpfchen auf das Pfühl zurück.

Seit jenem Tag lieb ich sie alle,
des Lebens schönster Lenz ist mein;
und wenn ich keinem mehr gefalle,
dann will ich gern begraben sein.


Nachtgedanken Heinrich Heine (1797-1856)

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Die alte Frau hat mich behext.
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh ich, wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre flossen hin,
Zwölf Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht ans Herz geschlossen.

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land!
Mit seinen Eichen, seinen Linden
Werd ich es immer wiederfinden.

Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

Seit ich das Land verlassen hab,
So viele sanken dort ins Grab,
Die ich geliebt - wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich - Mit der Zahl
Schwillt immer höher meine Qual,
Mir ist, als wälzten sich die Leichen
Auf meine Brust - Gottlob! sie weichen!

Gottlob! durch meine Fenster bricht
Französisch heitres Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen. (1843)


Walter Mehring
Der Emigrantenchoral

Werft
eure Herzen über alle Grenzen,
Und wo ein Blick grüßt, werft die Anker aus!
Zählt auf der Wanderung nicht nach Monden, Wintern, Lenzen -
Starb eine Welt - ihr sollt sie nicht bekränzen!

Schärft
das euch ein und sagt: Wir sind zu Haus!
Baut euch ein Nest!
Vergeßt - Vergeßt
Was man euch aberkannt und euch gestohln!
Kommt ihr von der Isar, Spree und Waterkant:
Was gibt?s da heut zu holn?
Die ganze Heimat
Und das bißchen Vaterland
Die trägt der Emigrant
Von Mensch zu Mensch - von Ort zu Ort
An seinen Sohl?n, in seinem Sacktuch mit sich fort.

Tarnt
euch mit Scheuklappen - mit Mönchskapuzen:
Ihr werdet euch doch die Schädel drunter beuln!
Ihr seid gewarnt: das Schicksal läßt sich da nicht uzen -
Wir wolln uns lieber mit Hyänen duzen
Als drüben mit den Volksgenossen heuln!
Wo ihr auch seid:
Das gleiche Leid
Auf? ner Wildwestfarm - einem Nest in Poln
Die Stadt, der Strand, von denen ihr verbannt:
Was gibt es da noch zu holn?
Die ganze Heimat und
das bißchen Vaterland
Die trägt der Emigrant
Von Mensch zu Mensch - von Ort zu Ort
An seinen Sohl?n, in seinem Sacktuch mit sich fort.

Werft
eure Hoffnung über neue Grenzen-
Reißt euch die alte aus wieën holen Zahn!
Es ist nicht alles Gold, wo Uniformen glänzen!
Solln sie verleumden- sich vor Wut besprenzen -
Sie spucken Haß in einen Ozean!
Laßt sie allein
Beim Rachespein
Bis sie erbrechen, was sie euch gestohln
Das Haus, den Acker- Berg und Waterkant.
Der Teufel mag sie holn!
Die ganze Heimat und
das bißchen Vaterland
Die trägt der Emigrant
Von Mensch zu Mensch - landauf
landab
Und wenn sein Lebensvisum abläuft
mit ins Grab. (1934)


Prometheus

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst
Und übe, dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn;
Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn als euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wusste, wo aus noch ein,
Kehrt ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr, zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir
Wider der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden da droben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehen,
Weil nicht alle
Blütenträume reiften?

Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!


Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

ich möcht so was für meine sorgen
a ha

so was schönes für mein gemüt
a ha
a ha

so was was sagt: morgen wird alles besser
a ha

so was was sagt: auch heut ist sehr viel gut
a ha
a ha

so was was mich ausdehnt möcht ich halt
a ha

so was was man so sagt: gedankenflug
a ha
a ha

und wie gesagt: für mein gemüt
so was was in der seele aufgeht und
dort blüht
a ha
a ha



schtzngrmm

schtzngrmm

t­t­t­t

t­t­t­t

grrrmmmmm

s--c--h

tzngrmm

tzngrmm

tzngrmm

grrrrnmmmm

schtzn

schtzn

schtzngrmm

schtzngrmm

tsssssssssssssssssssssssssss

grrt

grrrrrt

grrrrrrrrrt

scht

scht

t-t-t-t-t-t-t-t-t-t

scht

tzngrmm

tzngrmm

scht

scht

scht

scht

scht

grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr

t­tt




Kinder reicher Leute

Sie wissen nichts von Schmutz und Wohnungsnot,
Von Stempelngehn und Armeleuteküchen.
Sie ahnen nichts von Hinterhausgerüchen,
Von Hungerlöhnen und von Trockenbrot.

Sie wohnen meist im herrschaftlichen Haus,
Zuweilen auch in eleganten Villen.
Sie kommen nie in Kneipen und Destillen,
Und gehen stets nur mit dem Fräulein aus.

Sie rechnen sich schon jetzt zur Hautevolée
Und zählen Armut zu den größten Sünden.
- Nicht mal ein Auto...? Nein, wie sie das finden!
Ihr Hochmut wächst mit Pappis Portemonnaie.

Sie kommen meist mit Abitur zur Welt,
- Zumindest aber schon mit Referenzen -
Und ziehn daraus die letzten Konsequenzen:
Wir sind die Herren, denn unser ist das Geld.

Mit vierzehn finden sie, der Armen Los
Sei zwar nicht gut. Doch werde übertrieben - - .
Mit vierzehn schon! - Wenn sie noch vierzehn blieben.
Jedoch die Kinder werden einmal groß...
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